Wegen Siebeck nach Paris. Und ins Elsass!

Ich erinnere mich gut an das Paris von früher. 1988 war ich das erste Mal allein da. Nicht bloß wegen Siebeck, aber auch ein bisschen auf seinen Spuren. Sein Buch über die Pariser Bistros hatte unterm Familienweihnachtsbaum gelegen, und mit dem ersten (später mit dem zweiten) Band bin ich schnurstracks an die Seine gereist. Gern schriebe ich, dass ich sämtliche vorgestellten Lokale auch besucht hätte, aber ich habe de facto nur einen Teil geschafft. Manche waren mir zu teuer – wie das Benoît -, andere schienen mir bei genauer Betrachtung nicht interessant genug. Und meine eigene Agenda hatte ich damals auch. Tour d’Argent, Grand Véfour, Julien. Mittags, wenn es halbwegs billig war.

Siebecks Stil aber hat mir damals sehr gefallen, seine aufrichtige Begeisterung für authentische Speisen, seine Weigerung, das allerkleinste Blatt vor den Mund zu nehmen. Verschlungen habe ich viele Jahre lang seine Kolumnen in der ZEIT, auch die im Feinschmecker. Allenfalls Le Monde kam da ran. Übrigens hat sich Siebeck nie auf Paris beschränkt, sein Buch über die Weinstuben des Elsass setzte Massstäbe, beflügelte mein Faible für diese Region.

Foto: ZS-Verlag

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Meinen Vater, der im gleichen Jahr wie Siebeck geboren wurde und ein Jahr vor ihm starb, steckte ich mit meiner neu entdeckten Leidenschaft an. Papa begann – alles andere als ein geborener Gourmet – selbst Siebeck zu lesen und seine Gerichte nachzukochen. Ein Zitronendessert habe ich noch in Erinnerung. Siebeck hatte sich vertan beim Aufschreiben, der Redakteur hatte sich das Korrigieren nicht getraut oder nichts gemerkt, und etliche Zeit-Leser fielen drauf rein. Mein Vater auch. Statt zwei 2 Teelöffeln nahm er den Saft von zwei Zitronen und machte aus dem feinen Nachtisch eine ungenießbar saure Masse. Der Heilige Abend vor gut und gern 25 Jahren endete im Desaster.

Wir beide wurden älter. Irgendwann fand ich Siebecks Kolumnen weniger stark als zuvor. Ich las sie nicht mehr so häufig, schließlich fast nie mehr. Ein drittes Parisbuch des lange verehrten Meisters enttäuschte mich. Doch die Kulinarischen Skizzen (ZS-Verlag) machten wieder Spaß, und Papa hörte nicht auf, Siebeck zu lesen, bis er irgendwann nicht mehr lesen konnte. Ich dagegen begann, selbst Restaurants zu testen. Auch weil mich der Mann inspiriert hatte mit seinen vielen grandiosen Geschichten über das Frankreich der Fünfziger, als die Maden aus dem Käse krochen. So was erzähle ich noch heute gern als Anekdote.

Persönlich getroffen habe ich Wolfram Siebeck zwei, drei Mal flüchtig. Mich aufzudrängen, lag mir fern. Bei einer Veranstaltung auf Schloss Bensberg saßen wir, vier, fünf Jahre ist es her, zusammen in einer Jury, die das Essen von Hobbyköchen bewerten sollte. Mich ärgerte ein bisschen, dass er eine Amateurin, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Restaurantküche für ein paar Dutzend Menschen kochte, harsch zusammenfaltete. Muss nicht sein, dachte ich. Aber Siebeck blieb sich treu, sagte, was er dachte. Nahm kein Blatt vor den Mund. Das imponiert mir immer noch.

Eigentlich müsste ich nun mal wieder nach Paris. Siebeck zu Ehren. Etliche der vorgestellten Bistros gibt es noch. Das Benoît auch. Ich schaue gleich nach den besten Zügen.

One comment on “Wegen Siebeck nach Paris. Und ins Elsass!
  1. Schöner autobiographischer Nachruf. Ja, er war der grösste unserer Zunft, ein Vorbild. Und wie wir alle, so hatte auch er seine Eigenheiten. Mir war es leider nie vergönnt, ihn mal irgendwo persönlich zu treffen. Und ja, eigentlich müssten wir mal wieder nach Frankreich, auf Siebecks Spuren. Und neue Lokale entdecken. 🙂

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